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Herzlich Willkommen !

In diesem Blog finden ein paar meiner Ideen, Ansichten und Gedanken zu verschiedenen Themen, wie psychischen Störungen, Behandlungs-methoden, Modellen oder allegemeine Erlebnisse und Erfahrungen aus meinem Arbeitsbereich Platz.

Vielleicht ist ja das ein oder andere Interessante für Sie dabei.

viel Spaß beim Lesen
herzliche Grüße
Mona Kegel

Über Zeitdruck und das Leben aus der Erinnerung

oder, was wir vom Novemberregen lernen können…

Eines Tages wollte ich die Batterie von meiner Uhr wechseln lassen und bei der Gelegenheit auch gleich ein neues Armband erwerben. Ich war ohnehin in der Einkaufsstraße und ging in ein Kaufhaus das auch eine Abteilung für Uhren und hatte.

Am entsprechenden Tresen angekommen sah ich schon, dass vier Menschen vor mir in einer Schlange anstanden. Sodenn, sagte ich mir, es ist, wie es ist. Ich erwog kurz, ob ich zu einem späteren Zeitpunkt wieder kommen wollte oder ob ich ein anderes Geschäft aufsuchen wollte.

Dann entschied ich mich zu warten und diesen Moment zum entspannen und Beobachten zu nutzen. Ich stellte mich also an und bemerkte schnell, dass die Menschen um mich herum eher ungeduldig und gestresst waren. Ich nahm es als gute Übungssituation mich nicht anstecken zu lassen an – schließlich muss ich der „Einladung“ mich auf die Stimmung der anderen einzuschwingen nicht annehmen. Ein Mann, der hinter mir stand hatte eine etwas andere Vorstellung von Abstand als ich, er stand so nah, das ich bei jeder Bewegung Gefahr lief ihn zu berühren. Das war mir schon recht unangenehm, zudem er ungeduldig, leise schimpfend hinter mir stand. Ich konzentrierte mich auf meine Wahrnehmung, beobachtete die Situation und widerstand beharrlich dem Strom der Unzufriedenheit, der mich mitreißen wollte. Die Frau, die vor mir war ging und eine andere, die auf einer Bank am Tresen gesessen hatte sprang auf sie lamentierte, das es so voll sei und sie in ihrem Zustand nicht allzu lange sitzen könnte und das sie nun dran wäre, sie hätte sich nur hin gesetzt, weil sie einfach nicht mehr stehen konnte. Ok, dachte ich, inzwischen auch schon ein bisschen angesteckt, dann lass sie mal „vor“. Ich spürte, wie der Mann hinter mir leise aufstöhnte und seine Bewegungen unter leisem murren hektischer wurden. Schließlich war ich dran. Sofort wieder fröhlich beugte ich mich zu dem sitzenden Urmacher um ihm zu erklären, was ich wollte. Der arme Mann wirkte total gehetzt und gestresst, er war gar nicht in der Lage meine Freundlichkeit zu nutzen, um sich ein wenig zu entspannen. Anscheinend hatte er die ganze Stimmung der wartenden Kunden auf sich genommen und wurde nun, wie eine Nussschale auf stürmischer See hin und her geworfen. Ich wollte ihn aufmuntern und ihm ein bisschen Ruhe geben, schließlich hatte ich ja Zeit, aber er konnte mein Verständnis gar nicht mehr wahr nehmen und antwortete eher recht unfreundlich auf meine Frage, ob er denn die Schnalle von einem Armband auf der andere montieren könnte. Er meinte er könne nicht hexen und so schnell würde das alles nicht gehen… Nun, das hatte ich weder gesagt, noch gemeint…

So ging ich mit einem Gefühl, was sich zwischen Ärger, Verwunderung und Mitgefühl schwankte. Eine sehr interessante Situation, wie ich meine. Eine schöne Geschichte um zu erzählen, dass es nicht die Umstände sind, die uns stressen, sondern unsere Sichtweise der Umstände.

Während ich weiter durch die Fußgängerzone ging und ich so über den armen gestressten Urmacher in seiner Nussschale nach dachte, da zogen zwei Weitere Bilder durch meinen Sinn:

Das eine war eine Erinnerung. Ich selbst war auch vor einiger Zeit in einer ähnlichen Situation, wie der Urmacher. Ich habe als Studentin in einem Foto-Laden gearbeitet. Das war zu einer Zeit, als viele Menschen sich Papierabzüge von ihrem Filmen machen ließen. Meine Aufgabe bestand darin den Kunden ihre Bilder auszuhändigen. So standen an vielen Tagen eine ganze Reihe Menschen vor meinem Tresen, ihre Abholabschnitte in der Hand. Nicht selten standen die Menschen in dem kleinen Laden in einer Warteschlange, die bis auf die Straße reichte. Ich erinnere mich immer wieder gern an diese Situation. Ich liebte meine Arbeit und wenn die Schlange lang war, dann war ich sicher, dass mir nicht langweilig werden würde. Ich bediente einen Kunden nach dem anderen und zu jedem und jeder war ich sehr freundlich, denn ich dachte mir, wenn sie schon so lange warten würden, dann wollte ich sie auch ein bisschen für ihre Geduld belohnen, mit meiner vollen Aufmerksamkeit. Wenn jemand eine Frage hatte oder ein Auftrag ein wenig aufwendiger war freute ich mich über die Abwechslung. Jeder Kunde und jede Kundin war in dem Moment, in dem er oder sie vor mir stand einzigartig und wichtig, alle anderen blendete ich einfach aus. Warum mir das gelang weiß ich nicht. Zu der Zeit habe ich nichts über Achtsamkeitstraining oder ähnliches gewusst. Vielleicht hatte ich einfach Glück, weil es mir gelang jeden Augenblick im Jetzt zu verweilen.

Und ich bin froh, dass es so war, denn diese Situation hat mir schon oft geholfen, mich daran zu erinnern, dass ich die Wahl habe.tasse&uhr1klein

So ging ich, meiner Erinnerung folgend über das Kopfsteinpflaster und wünschte dem Urmacher ein wenig Gleichmut. Ich überlegte, ob ihm diese Geschichte vielleicht ein kleines Bisschen geholfen hätte, wenn ich die Zeit gehabt hätte sie ihm zu erzählen. Ich überlegte, welche Geschichten überhaupt Menschen helfen könnten. Und jetzt überlege ich, was sie wohl in Ihnen auslöst. Ob sie wohl ein bisschen ärgerlich sind, weil sie immer noch nicht recht wissen, wie Sie unter Zeitdruck zu einem Gefühl der Gleichmut kommen sollen. Oder, ob sich bei ihnen ein Gefühl von Weite und Leichtigkeit hinterlassen hat, ob sie Sonne und Licht gebracht hat, oder eher Regen…

Und dann, bei der Vorstellung von Regen komme ich schnell zurück zu der anderen Geschichte, einer Metapher, die mir immer wieder einfällt und die ich sehr mag.

Lassen Sie mich ein bisschen ausholen, dieses Mal möchte ich genauer sein, ich werde ein paar Worte brauchen um Ihnen dieses Bild zu erzählen, aber das wird es wert sein, da bin ich mir sicher. Am besten stellen Sie sich vielleicht einfach folgende Situation vor:

Es ist ein kalter November Tag, draußen ist es grau und kalt, es regnet. Sie sind drinnen und wissen, gleich sollen Sie hinaus. Sie schauen aus dem Fenster und sehen, wie die Tropfen gegen das Fenster schlagen, Ihnen wird schon kalt bei der Vorstellung, dass sie gleich vor die Tür treten sollen. Welche Gedanken begleiten Sie jetzt, was ist das für ein Gefühl? Spüren Sie die Kälte vielleicht schon, und die Nässe, den kalten Regen? Oft kommen die Gedanken und Gefühle automatisch und dann bekommen wir vielleicht schlechte Laune, spüren, wie wir uns innerlich gegen die bevorstehende Handlung sträuben. Wir erinnern uns an die unangenehme Erfahrung und die Vorstellung von der Zukunft belastet uns schon, bevor wir sie überhaupt erreicht haben. Die Vorstellung frierend durch den Regen zu gehen, die Kälte, die Nässe und das unangenehme Gefühl sind noch gar nicht da, aber unsere Erinnerung sorgt dafür, das wir schon im Vorwege eine Menge Energie aufwenden müssen um die unangenehmen Gefühle zu bändigen. Und wenn Sie nun in den Regen gehen, hinaus in die graue Kälte, dann begleitet Sie diese Erinnerung weiter und sie bestätigt, das es wirklich schrecklich ist. Vielleicht bedauern Sie sich ein wenig, vielleicht ärgern Sie sich auch. Was wäre, wenn wir diese Situation, ähnlich, wie oben im meinem Beispiel, ein wenig anders betrachten würden?

Also, vielleicht stellen Sie sich vor, das Sie hinaus schauen und den Regen beobachten, sie sehen das grau und überlegen, welche Kleidung Sie am besten wählen, damit Ihnen nicht kalt wird. Sie sehen, dass die Bäume sich im Wind stark bewegen und verzichten daher lieber auf einen Schirm. Sie Wählen eine Regenjacke, vielleicht sogar eine Regenhose, ziehen sich an, nehmen ihre Tasche und gehen aus dem Haus, sie treten auf die Straße und spüren wie die Regentropfen sich auf ihr Gesicht legen. Sie spüren all die kleinen Tropfen und beobachten, während Sie sich auf den Weg machen, wie sich das anfühlt, wenn die Tropfen auf die Haut treffen. Sie heben den Kopf und Atmen einmal tief durch. Sie entspannen Sich. Ihr Gesicht fängt an zu glühen, weil die Kälte die Durchblutung anregt und sie merken, wie sich das Gefühl der Tropfen auf Ihrer Haut verändert. Sie gehen einfach weiter, gleichmütig und beobachten. Jetzt schauen Sie auf Ihre FüßeNovember1 und sie bemerken das leise Patschen Ihrer Füße auf dem nassen Asphalt. Sie hören das Rascheln Ihrer Kleidung und spüren Ihre Bewegung.

Dann heben Sie wieder Ihren Kopf und schauen vor sich, um sich, sehen vielleicht die Bäume, wie sie sich bewegen, sehen das grau, sehen vielleicht andere Menschen. Sie schauen sich alles an und gehen derweil Ihren Weg weiter. Einen Schritt nach dem anderen bewegen Sie sich voran. Plötzlich spüren Sie eine Leichtigkeit, sie sind angekommen, im Novemberregen, in diesem Moment, in der Umgebung. Ihr Körper hat sich an den Regen gewöhnt, ihnen ist jetzt warm, sie gehen entspannt bis zu ihrem Ziel…

Ich kann Ihnen nur empfehlen es aus zu probieren, es lohnt sich.

Der Regen kann uns viel lehren. Wenn wir in annehmen, dann wird er freundlicher, wenn wir im achtsam begegnen, dann kann er uns Gelegenheit geben unsere Stärke und Gelassenheit zu erleben. Wir können erfahren, wie sehr wir uns manchmal irren, wenn wir aus Vergangenem auf Zukünftiges schließen. Er kann uns lehren, dass unsere Erfahrungen, so nützlich sie auch sind, nichts über unser zukünftiges Erleben aussagen müssen. Sie haben die Wahl.

Vielleicht denken Sie an diese Geschichte, wenn Sie das nächste Mal in einer Warteschlage stehen, selbst dann, wenn Sie unter Zeitdruck sind. Vielleicht denken Sie bei Ihrem nächsten „Angang“ an den Regen, vielleicht können Sie es ab und zu einmal so nehmen, wie es ist.

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