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Herzlich Willkommen !

In diesem Blog finden ein paar meiner Ideen, Ansichten und Gedanken zu verschiedenen Themen, wie psychischen Störungen, Behandlungs-methoden, Modellen oder allegemeine Erlebnisse und Erfahrungen aus meinem Arbeitsbereich Platz.

Vielleicht ist ja das ein oder andere Interessante für Sie dabei.

viel Spaß beim Lesen
herzliche Grüße
Mona Kegel

Der alltägliche Wahn-Sinn

Wahnsinn wird in der Psychologie unter „inhaltliche Denkstörungen“ eingeordnet. Das Denken von einer Person weicht also inhaltlich von dem ab, was als allgemeine Wahrheit angenommen wird. Genauer gesagt geht es darum, welche Bedeutung man einer Wahrnehmung gibt. Die Wahrnehmung der Person stimmt, aber ihre Deutung ist wahnhaft.

In diesem Artikel geht es zum einen darum zu verstehen, was Wahn oder Wahnvorstellung ist und zum anderen darum, dass wir vielleicht alle manchmal ein bisschen Wahnsinnig sind ohne dabei gleich einen sogenannten Krankheitswert zu erreichen. Um den alltäglichen Wahn-Sinn eben. Vielleicht denken Sie an Verfolgungswahn oder den Wahn, dass jemand glaubt Napoleon zu sein, aber dies wären Ausprägungen, die eher einen allgemein erkennbaren Krankheitswert haben. Ich möchte gern auf ein wesentlich leichter nachvollziehbares Beispiel zurück greifen:

Eine Frau geht die Straße entlang und sieht, wie drei Leute auf dem Bürgersteig zusammen stehen und reden, sie geht vorbei und erkennt in einer der Personen ihren Nachbarn. Ihr Nachbar grüßt, sie grüßt zurück. Als sie an der Gruppe vorbei gegangen ist hört sie, lautes gemeinsames Lachen. Jetzt ist sie sich sicher, dass alle über sie lachen, ja, dass Ihr Nachbar sie nicht ausstehen kann, ständig über sie lästert und bestimmt war er es auch, der neulich ihre Fußmatte verkehrt herum gelegt hat um ihr zu drohen.

Um zu erkennen, was denn hier Wahn und was vielleicht Wirklichkeit ist müssen wir zwischen dem tatsächlich wahrgenommenen und der Bedeutung, die dieser Wahrnehmung zugeschrieben wurde unterscheiden. Die Wahrnehmung der Frau ist in normal, also jede(r) hätte die drei Leute, das Grüßen und das Lachen gesehen und gehört, aber die Bedeutung die sie diesen Ereignissen zugeschrieben hat ist besonders. Natürlich wäre es wirklich möglich, dass die Interpretation der Frau stimmt, genauso gut könnte es aber auch ganz anders sein. Das Lachen könnte sich gar nicht auf die Frau bezogen oder gar positiv gemeint gewesen sein, auch die Fußmatte könnte vielleicht von der Reinigungskraft im Treppenhaus versehendlich verdreht worden sein. So ein „kleiner“ alltäglicher Wahnsinn kommt häufiger vor, als wir es vielleicht vermuten – keine Sorge, damit sind Sie noch nicht „vollkommen verrückt“ und müssen auch nicht behandelt werden ;-).

Wie kommt es zu solchem alltäglichen, manchmal leicht verdrehtem Denken?

Jeder Mensch ist darauf angewiesen, die Dinge die um ihn oder sie geschehen zu deuten. Von klein auf lernen wir wie die Welt ist, wir treten mit ihr in Interaktion. Wir lernen, was uns gute Gefühle macht und was eher unangenehm ist und wir lernen weiter auch, ob und was wir tun können um diese Gefühle zu beeinflussen. So entwickeln wir eine Vorstellung von der Welt und wie die Dinge zusammen hängen. Was und wie wir es lernen hängt dabei von all den Erfahrungen ab, die mir im Laufe unseres Lebens machen. Das ist hier sehr zusammen gefasst, aber reicht aus um zu erzählen, wie es dann vielleicht zu Fehldeutungen kommt.

Nun hat jeder Mensch ein paar grundlegende Bedürfnisse, zwei sehr wichtige sind „Zugehörigkeit“ und „Selbstwirksamkeitserleben“. Zugehörigkeit meint, dass ich mich als irgendwo zugehörig und mit meinem Sein als „ok“ empfinde. Selbstwirksam heißt, dass ich selbst etwas tun kann, dass ich nicht hilflos bin sondern im Kontakt mit der Welt handeln und etwas bewirken kann. Schon Baby’s probieren das aus, sie treten mit ihren Bezugspersonen in Kontakt und fühlen sich sichtlich gut, wenn sie freundlich aufgenommen, beachtet werden und wenn sie eine Reaktion auf ihr Verhalten hervor rufen können. Das Baby ist also schon ein kleiner Forscher oder eine kleine Forscherin, die ergründet, was die Welt ausmacht.

Werden die Grundbedürfnisse eines Menschen verletzt, so fühlt er oder sie sich vielleicht entwertet, nicht zugehörig oder hilflos. Dieses Empfinden ist sehr bedrohlich, weil dauerhaft unerfüllte Grundbedürfnisse einen Menschen krank machen oder sogar töten können. Auch hierzu verzichte ich auf Ausführungen. Nur soviel, es gibt zahlreiche Beispiele und Studien zu dem Thema. Wir haben also die Grundbedürfnisse auf der einen Seite und die Welt, bzw. unsere Vorstellung von der Welt auf der anderen Seite. Im Besten Fall ist es stimmig, die Welt ist ein guter Ort an dem Wir sein, wirken und wachsen können, wir sind aufgehoben und voller Vertrauen. Sehr oft kommt es aber zu Brüchen, Widersprüchen und damit zu Zweifeln und Ängsten. Wann und wie oft ein Mensch in seiner Biografie gelernt hat, dass etwas ihn oder sie bedroht bestimmt dabei mit, was und wie er oder sie auf Wahrnehmungen reagiert.

Kommen wir noch einmal zu unserem Beispiel zurück:

Die Frau hat vielleicht aus irgendeinem Grund einmal gelernt, dass sie nicht ganz „in Ordnung“ ist, ihr Selbst-Wert-Empfinden hat vielleicht einen kleinen Knacks bekommen.

Das ist etwas sehr häufiges in unserer Gesellschaft, auch, wenn es manchmal so scheint, als wären selbstbewusste, freie und sichere Menschen normal. Wenn dies so wäre, dann gäbe es wesentlich weniger Leid und eine Menge Menschen im Gesundheitswesen wären arbeitslos.

So ein Knacks wie bei unserer Frau ist natürlich unangenehm, sie mag also ihre Selbstzweifel nicht ständig empfinden und vielleicht hat sie, wie viele andere auch die Idee entwickelt, dass man mit „richtigem“ Verhalten noch etwas retten könnte, also seine Zugehörigkeit sichern könnte. So achtet sie darauf sich „richtig“ zu verhalten und kommt damit auch sehr gut zurecht. Menschen die zusammen leben verständigen sich auf eine gemeinsame „Sicht der Dinge“ um so klar unterscheiden zu können, wer dabei ist und wer nicht, so sichert man sich gegenseitig Zugehörigkeit zu und kann diese durch sein Verhalten auch beeinflussen.

Unsere Frau aus dem Beispiel lebt also ganz zufrieden vor sich hin, bis etwas sie daran erinnert, dass sie vielleicht doch nicht ganz ok ist. Der Reiz, bzw. das Ereignis in unserem Beispiel war das Lachen der Leute in Zusammenhang mit ihren Gedanken zu dem Nachbarn an sich. Vielleicht, ja wahrscheinlich hat es hier eine Vorgeschichte gegeben, vielleicht hat der Nachbar einmal „komisch“ reagiert oder jemand hat einmal eine Bemerkung darüber gemacht, was der Nachbar erzählt hat etc. In dem Weltbild der Frau gibt es ein Geheimnis, das nämlich, dass sie vielleicht doch nicht gut genug ist und vielleicht doch nicht dazu gehören könnte. Weil sie selbst das glaubt findet sie in Ereignissen um sie herum eine Bestätigung dieser „Tatsache“. Deswegen bezieht sich das Lachen auf sich, deswegen fühlt sich durch eine verdrehte Fußmatte angegriffen und deswegen entwickelt sie die Vorstellung, dass jemand, in diesem Fall der Nachbar sie ablehnt. Hier schließt sich ein Teufelskreis. Sie selbst glaubt bzw. befürchtet etwas und findet genau deswegen diese Befürchtung aus ihrer Umgebung bestätigt. Man könnte auch von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung sprechen. Die Wahrnehmung wird also von der Wahrnehmung zurück beeinflusst, man könnte auch sagen jemand spiegelt sich in der Welt um sich herum. So nehmen wir oft auch nur das wahr, was unsere Erwartungen und unsere Sicht der Dinge bestätigt, aber hierauf möchte ich hier nicht weiter eingehen.

Die Wahrnehmung der Frau im Beispiel stimmt zwar, aber sie nimmt nur einen Teil der Umgebung wahr, der Baum der am Wegesrand steht oder die Autos die in diesem Moment an Ihr vorbei fahren blendet sie aus, weil diese gerade nicht wichtig sind. Alles, was neu, anders, besonders Angenehm oder bedrohlich auf uns wirkt nehmen wir leichter war. Das Lachen der Gruppe nimmt die Frau also wahr und gleichzeitig misst sie ihm eine Bedeutung zu. Sie nimmt es sozusagen wahr, weil sie ihm eine Bedeutung zumisst – in diesem Fall eine negative.

So ein alltäglicher Wahnsinn kommt sehr oft vor. Menschen geschieht ein Missgeschick oder sie verplappern sich und man unterstellt ihnen „es“ absichtlich gemacht zu haben um jemanden zu verletzen. Sie haben das Gefühl, das immer gerade dann, wenn sie an der Ampel stehen rot ist und zwar natürlich genau dann, wenn Sie es eilig haben. Jemand schaut jemanden an und dieser fühlt sich provoziert. Eine Kollegin hat schlechte Laune und sie glauben irgendwas damit zu tun zu haben. Vielleicht fällt Ihnen ja auch noch etwas ein.

Es kommt nun darauf an, was wir mit diesem Phänomen nun anfangen, meist passiert es ja Wahrnehmung und Bewertung so schnell, dass wir es als gleichzeitig empfinden. Das macht auch Sinn, denn eine tatsächliche Gefahr sollte postwendend erkannt und abgewendet werden.

Noch einmal zum Beispiel: Wenn diese Frau nun weiter geht und über ihren Gedanken nachsinnt kann sie ihn entweder hinterfragen und wieder relativieren oder sich so weit hinein steigern, dass sie vielleicht am Ende einen Rachefeldzug gegen ihren „unmöglichen“ Nachbarn unternimmt.

Eine kleine Wahnwahrnehmung kann zu einem ganzen Wahngebäude werden und zu einer ausgewachsenen Verschwörungstheorie werden. Am Ende könnte der Nachbar vielleicht in einer bösen Sekte sein, die es sich zum Ziel gesetzt hat die Welt zu erobern und alle Andersdenkenden auszurotten…

Wo krankhafter Wahnsinn beginnt ist schwer zu sagen, vor allem, weil ein Wahngebäude meist geschlossen und sehr gut argumentativ belegt ist. Es gab eine Zeit in der die Menschen fest daran glaubten, dass die Welt eine Scheibe ist und jeder der dagegen sprach wurde als verrückt oder bösartig angesehen. Es gab auch eine Zeit in der die Menschen glaubten, dass die Eigenschaften eines Menschen allein durch seine Gene fest gelegt werden, auch dies wird längst, nicht erst durch die Epigenetik in Frage gestellt.

Da es so schwer fest zu stellen ist, was denn nun die einzige, echt echte Wahrheit, die wirkliche Wirklichkeit ist schlage ich vor etwas versöhnlicher mit sich und seinen Mitmenschen um zu gehen und ab und an mal zu hinterfragen oder zu reflektieren bevor man das Kind mit dem Bade ausschüttet oder jemanden verurteilt.

Mehr achtsam zu beobachten und zögerlicher und bewusster zu bewerten kann uns vollkommen neue und erhellende Sichtweisen eröffnen.

In diesem Sinne – lassen Sie sich nicht in den Wahn-Sinn treiben ;-)

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